Die Doppelte Perversion
Besitzmacht und Gewalt im Fall Ulmen
Christian Ulmen (für welchen die Unschuldsvermutung gilt) hat mutmaßlich über Jahre hinweg über gefälschte Accounts seine damalige Ehefrau Collien Fernandes impersonifiziert, pornographische Deepfake-Bilder versendet, zu sexuellen Aktivitäten angeregt und sogar explizite Vergewaltigungsphantasien geteilt.
Warum tut ein Mensch seinem eigenen Partner derartige Gewalt an? Warum verletzt er die Würde seiner engsten Vertrauten? Ulmen hat darauf mutmaßlich mit einem Motiv argumentiert: Besitzdenken. Einen ähnlichen Beweggrund schilderte Dominique Pelicot, der über Jahre hinweg seine Frau betäubte und anderen Männern zur Vergewaltigung anbot.
Über den Fall Ulmen oder den Fall Pelicot nachzudenken — und im Allgemeinen über die Gewalt, die von Männern gegen Frauen ausgeht — bedarf zwangsläufig einer Auseinandersetzung mit dem Thema Besitz, insbesondere in Bezug auf männliche Besitzergreifung von Frauen und die damit einhergehende Gewalt.
Der Besitz bedarf Gewalt
Wie eng Besitz und Gewalt miteinander verwoben sind, zeigt uns ein einfacher Blick ins BGB (§ 854), wo Besitz wie folgt definiert wird :
Der Besitz einer Sache wird durch die Erlangung der tatsächlichen Gewalt über die Sache erworben.
Die tatsächliche Gewalt ist also der ausschlaggebende Faktor, der eine Sache zu einem Besitz macht; und Besitzrechte verbürgen auch, dass letzten Endes Gewalt angewendet werden darf, um Besitz geltend zu machen — sei es durch eigene Gewaltanwendung oder durch stellvertretende Gewalt, wie etwa die Polizei.
Das Konzept von Besitz betrifft qua Definition Sachen, niemals Menschen — und dennoch scheinen diese gewalttätigen Männer ihre Partnerinnen wie Sachen zu behandeln, von denen man Besitz ergreifen kann. Dahinter liegt ein tiefer gesellschaftlicher Prozess, der Menschen fortlaufend in Sachen verwandelt.
Die Gesellschaft des Habens
In seinem Werk „Haben oder Sein“ beschreibt Erich Fromm zwei entgegengesetzte Existenzweisen: Haben und Sein. Ein Mensch, der am Haben orientiert ist, definiert sich über das, was er hat — etwa Geld, Macht oder Wissen. Ein dem Seinsmodus verschriebener Mensch hingegen definiert sich durch das, was er ist, kurzum durch das, was er tut.
Der westlichen Industriegesellschaft als Ganzes unterstellt Fromm eine starke Fixierung auf das Haben, da ökonomische Imperative den Alltag der Menschen dominieren. Diese Fixierung führe zu einer Tendenz, Besitzansprüche auch an Mitmenschen zu stellen: „Menschen werden in Dinge verwandelt, ihr Verhältnis zueinander nimmt Besitzcharakter an.“
Fromm untersucht die Partnerschaft, insbesondere die Ehe, als Ausdrucksform dieser sich verbreitenden Art, Menschen einer Besitzlogik unterzuordnen:
„In der Zeit der Werbung ist sich einer des anderen noch nicht sicher; die Liebenden suchen einander zu gewinnen. (…). Keiner hat den anderen schon, also wendet jeder seine Energie darauf, zu sein, das heißt zu geben und zu stimulieren.
Häufig ändert sich mit der Eheschließung die Situation grundlegend. Der Ehevertrag gibt beiden das exklusive Besitzrecht auf den Körper, die Gefühle, die Zuwendung des anderen. Niemand muss mehr gewonnen werden, denn die Liebe ist zu etwas geworden, das man hat, zu einem Besitz.“
Wenn sich eine Partnerschaft in ein Besitzverhältnis transformiert, dann ist Gewalt nicht weit:
„Der Wunsch, Privateigentum zu haben, erweckt den Wunsch in uns, Gewalt anzuwenden, um andere offen oder heimlich zu berauben. In der Existenzweise des Habens findet der Mensch sein Glück in der Überlegenheit gegenüber anderen, in seinem Machtbewusstsein und in letzter Konsequenz in seiner Fähigkeit, zu erobern, zu rauben und zu töten.“
Letztlich kann jedes Femizid als eine Form verabsolutierter Durchsetzung von Besitzansprüchen gelesen werden: Wenn ich dich nicht besitzen kann, dann zerstöre ich dich lieber, als dich ziehen zu lassen.
Fromms Gedanken können grundlegend erklären, warum das Besitzdenken an sich weit in unserer Gesellschaft verbreitet ist. Aber er bleibt uns eine Antwort schuldig: Wenn es die kapitalistisch-industrielle Logik ist, welche die Existenzweise des Habens über die Gesellschaft hinweg fördert, warum sind es dann fast ausschließlich Männer, die Beziehungen in gewaltvolle Besitzverhältnisse wandeln?
Sexualität als Status
Dem Historiker John Tosh zufolge findet Männlichkeit im Westen historisch bedingt in drei Arenen statt: zu Hause, am Arbeitsplatz und in reinen Männergesellschaften. Allerdings wurde diese traditionelle Behauptung der Männlichkeit in der modernen Gesellschaft in allen drei Bereichen geschwächt, wie die israelische Soziologin Eva Illouz feststellt — sie habe sich sogar in ein „entgegengesetztes Statussymbol“ verwandelt.
Durch Rollenangleichungen im Haushalt, die fortschreitende Gleichstellung am Arbeitsplatz und den Schwund der klassischen Männergesellschaften (mit dem Sport als zähe Ausnahme) hat sich mittlerweile die Sexualität zu einem der wichtigsten Statusmerkmale für Männlichkeit entwickelt, wie Illouz bemerkt:
„Die Sexualität ermöglicht Männern den Erwerb und die Behauptung eines sozialen Status — sie ist eine Arena, in der Männer miteinander um die Behauptung ihres sexuellen Status konkurrieren.“
Die doppelte Perversion
Wenn wir die Fälle Ulmen und Pelicot betrachten, sehen wir in ihnen zum einen eine Gewaltausübung gegenüber den Frauen selbst. Hier wirkt Gewalt als Affirmation des männlichen Besitzes, der gerade durch die verübte Gewalt zementiert wird. Die Gewalt verwandelt die Frau in ein Objekt für den Mann und dient dadurch seiner Existenzweise des Habens.
Doch mit dieser Verfestigung eines Besitzanspruchs ist es in beiden Fällen offensichtlich nicht getan. Würde es sich um eine reine Gewalttat aufgrund eines einfachen Besitzanspruchs des Mannes über die Frau handeln, so könnte dies zweifelsohne in einem Kontext stattfinden, der auf beide Personen beschränkt ist. Was die beiden Fälle jedoch auszeichnet, ist — scheinbar kontraintuitiv zum eigentlichen Besitzstreben — gerade das Involvieren anderer Männer.
Genau dieses Involvieren anderer Männer würde ich als doppelte Perversion des männlichen Besitzstrebens bezeichnen. Es reicht nicht aus, die Frau als den eigenen Besitz durch Gewalt zu unterwerfen; die Verfügungsmacht muss zusätzlich noch vor anderen Männern dargestellt werden. Durch das Involvieren anderer Männer wird der eigene Status als Besitzer verfestigt, der über den Gebrauch des Besitzes verfügen und ihn nach Belieben bereitstellen darf. Es ist die reine Zurschaustellung der männlichen Macht in der sexuellen Arena, insbesondere gegenüber anderen Männern.
Femme insoumise
Die Verstrickung von Besitzansprüchen gegenüber Frauen und die Darstellung der sexuellen Macht gegenüber anderen Männern, welche beiden Fälle so eigen sind, bedingen es, dass sich Männer mit ihrer eigenen Rolle in Bezug auf gewaltvolle Besitzansprüche beschäftigen müssen. Denn das Objektifizieren von Frauen und das Darstellen der eigenen Sexualmacht vor anderen Männern beginnen nicht erst bei Pelicot und Ulmen, sondern bereits in alltäglichen Momenten.
Es beginnt in dem Moment, da wir uns vor anderen Männern gerne mit unserer Partnerin zeigen, weil wir für einen Moment stolz darauf sind, so eine Schönheit zu „besitzen“. Es beginnt bei unserem Misstrauen, wenn unsere Partnerin alleine ausgeht, oder wenn wir uns mit anderen Männern anlegen, die Zuneigung zu unserer Partnerin bekunden. Es beginnt bei Ansprüchen an zeitliche, emotionale oder sexuelle Verfügbarkeit, die nach und nach als selbstverständlich gesehen wird.
Männer müssen lernen, jegliche Tendenz zum Besitzstreben gegenüber Frauen abzulegen. Wir müssen jede einzelne Frau — ob Fremde, Freundin oder Ehefrau — als femme insoumise begreifen, wie sie die französische Philosophin Manon Garcia beschreibt: eine Frau, die eben nicht in irgendeiner Weise zur Verfügung steht; die sich in ihrem Sein jedwedem Besitzanspruch widersetzt.
Weniger Haben, mehr Sein
Die Verantwortung der Männer ist es, die Perversionen der instrumentellen Vernunft gegenüber anderen Menschen, insbesondere Frauen, abzulegen; Frauen nicht als Objekte der Zurschaustellung des eigenen Status in der Arena der Sexualität zu benutzen; aus der Existenzweise des Habens in die Existenzweise des Seins zu wechseln.
„In der Existenzweise des Seins liegt es im Lieben, Teilen, Geben.“
Wir müssen uns fragen, wie wir mehr geben können, statt zu nehmen — insbesondere in der Sexualität. Der Orgasm Gap ist schlussendlich auch nur eine Manifestation einer männlichen Haltung, die sich vom weiblichen Sexualobjekt holt, wonach es ihm gelüstet. Stattdessen müssen wir uns fragen, was wir geben können: im Alltag, in der Liebe, in der Sexualität.
Wir müssen lernen, unsere eigenen Beziehungsmuster sowie sexuelle Vorlieben zu hinterfragen und zu analysieren: Die Wirkmacht einer männlich dominierten Porno-Industrie hat uns mit unterbewussten Sex-Skripten versorgt, die eigentlich nur durch die Besitzergreifung der Frau funktionieren.
Vor allem aber müssen wir uns mehr anstrengen, Frauen wirklich zu lieben — nicht trotz, sondern gerade weil sie eigenständig und unverfügbar sind und sich jedem Besitzstreben von Grund auf entziehen.
„Un peu, juste un peu“, wie Manon Garcia sagt.
Vielen Dank an Fatma U. für das ausführliche Feedback zum Text; zum Thema Ulmen und zur Überlagerung von Besitzmacht und Gewalt siehe auch Samira El Quassils wertvollen Beitrag in Der Freitag.
